Organisierte Neonazis

Als organisierte Neonazis werden diejenigen Neonazis bezeichnet, die sich der organisierten Szene anschließen und gemeinsam mit anderen Neonazis in einer Gruppe aktiv sind. Die meisten schließen sich einer sogenannten Freien Kameradschaft an.  Bei diesen und auch bei den Autonomen Nationalisten handelt es sich um Bündnisse, die anders als die NPD oder die inzwischen verbotene Heimattreue deutsche Jugend (HDJ) weder formal eingetragen noch registriert sind und somit schwer juristisch verfolgt oder verboten werden können. Dieses Organisationsmodell kann als Reaktion auf die Vereinsverbote in den 90er Jahren gesehen werden.

Freie Kameradschaften

Freie Kameradschaften bestehen meist aus 5 bis 25 Personen, die eine eigenständige Organisation bilden. Ihre Aktionsschwerpunkte sind Kameradschaftstreffen, Schulungen, Aufmärsche und Kundgebungen. Ein weiteres Aktionsfeld ist die sogenannte „Anti-Antifa-Arbeit“ (siehe AN), bei der Informationen über politische GegnerInnen gesammelt werden. Um neue Mitglieder zu werben, werden vor allem im vorpolitischen Bereich Angebote gemacht – zum Beispiel Partys, Fußballturniere und Konzerte. Die Aktionen dienen zugleich der Festigung der bestehenden Netzwerke. Man kennt sich, besucht sich und unterstützt sich bei Brauchtumsveranstaltungen oder Aufmärschen.

In einigen Regionen Niedersachsens haben sich in den letzten Jahren die Kameradschaftsstrukturen verfestigt. Ihre Mitglieder, die sich auch „Freie Nationalisten“ nennen, sind zwar überwiegend gewaltbereit. Vor Ort bemühen sie sich jedoch ganz im Sinne der Akzeptanzstrategie sich in die Gesellschaftsstrukturen einzubeinden – in dem sie sich zum Beispiel an regionalen Sportveranstaltungen beteiligen, Blut spenden oder auch Müll-Sammel-Aktionen ausrichten.

Nach Angaben des Verfassungsschutzes gibt es derzeit in Niedersachsen rund 400 Kameradschaftsmitglieder – 2009 waren es noch 355 (HAZ vom 5.2.2011). In dieser Zahl sind auch die Angehörigen der Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene (HNG) inbegriffen, deren Mitglieder aber nicht automatisch in Kameradschaften organisiert sind.

Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene (HNG)

Die HNG wurde 1979 gegründet und war eine einflussreiche neonazistische Organisation, die inhaftierte Neonazis unterstützte. Dabei wurde den StraftäterInnen nicht nur finanziell unter die Arme gegriffen, sie wurden auch mit Propagandamaterial versorgt. Um einen Ausstieg aus der Neonaziszene zu verhindern, wurde besonders großen Wert auf die Erhaltung der Kontakte gelegt. Sie wurde am 21.09.11 verboten, eine gegen das Verbot gerichtete Klage wurde vom Bundesverwaltungsgericht im Dezember 2012 abgelehnt.

Autonome Nationalisten (AN)

Die Autonomen Nationalisten (AN) sind eine Strömung innerhalb der Freien Kameradschaften. Die AN sind aktionsorientierte Gruppierungen von Neonazis, die den Lifestyle ihrer politischen GegnerInnen kopieren. Dazu gehört der Versuch einen „schwarzen Block“ auf Aufmärschen zu bilden und deren Kleidungsstil nachzuahmen. Die Strategie zielt darauf ab, insbesondere für Jugendliche attraktiv zu sein. Die AN sehen sich als Provokateure und setzen bewusst auf eine subkulturelle Identität, dabei behalten sie aber ihre neonazistische Ideologie. Ein Schwerpunkt der Autonomen Nationalisten ist die „Anti-Antifa-Arbeit“, bei der es meist nicht nur beim Sammeln von Informationen über politische GegnerInnen bleibt, sondern häufig zu Bedrohungen und gewaltsamen Übergriffen führt.

Die NPD zeigt sich gegenüber den AN distanziert, aber dennoch solidarisch. Kritik wird vor allem daran geübt, dass sie ihr Auftreten bei den „linken Autonomen“ kopieren und dass durch das Auftreten der AN das Gewaltpotenzial auf Aufmärschen deutlich zugenommen hat, was nicht im Interesse der NPD ist. Die NPD bevorzugt ruhige, geordnete und bürgerlich erscheinende Demonstrationen, auch deshalb wurde das Referat des Ordnungsdienstes gegründet, welches von Manfred Börm geleitet wird.

Identitäre Bewegung (IBD)

Die sogenannte „Identitäre Bewegung“ kommt ursprünglich aus Frankreich und ist ca. seit Ende 2012 auch vereinzelt in Deutschland aufgetreten. Die bisher fast ausschließlich im Internet präsente Gruppierung distanziert sich zwar halbherzig von „Rechtsextremismus“ und Rassismus, propagiert aber eine völkische und islamfeindliche Ideologie. Auch wenn von der IB als Gruppe noch keine Straftaten ausgingen, so sind in ihr häufig gewalttätige Neonazis organisiert. In Hannover dient eine „Gruppe“ der IB als Auffangbecken für ehemalige Mitglieder von Besseres Hannover (siehe unten).

Kameradschaften in Niedersachsen

„Snevern Jungs“ (Schneverdingen)
Die Kameradschaft ist bundesweit aktiv und nimmt an zahlreichen Aufmärschen und Gedenkveranstaltungen teil. Sie handelt nach dem Prinzip der Akzeptanzstrategie (siehe Text Kameradschaften in Niedersachsen) und versucht sich mit Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen, wie Volksläufen in die Gesellschaft einzubinden. Indem sie sich als nette Jungs inszenieren, versuchen die Neonazis sich in den lokalen Strukturen zu verankern. Die „Snevern Jungs“ stehen für eine Kooperation mit der NPD. Die Kameradschaft hilft beim Wahlkampf und ihr Anführer, Matthias Behrens, ist Mitglied im Landesvorstand der NPD.

„Freie Kräfte Celle“
DieGruppe trat erstmals nach Auflösung der Kameradschaft „Celle 73“ öffentlich in Erscheinung. In dieser laut Verfassungsschutz als gewaltbereit geltenden Szene ist Dennis Bührig einer der führenden Kader. Im Juli 2009 sorgte die Gruppe überregional für Schlagzeilen als sie in Faßberg bei Celle ein leerstehendes Haus besetzten. Mit dieser Aktion wollten sie für einen bekannten Neonazi-Anwalt vermeintliche Rechtsansprüche erkämpfen. Die Kameradschaft „Celle 73“ war eine der führenden in Niedersachsen. Bei ihrer Auflösung am 21.12.2010 erklärten die Aktivisten sogleich, weiter in der Neonazi-Szene aktiv zu bleiben: „Kameradschaften mögen aufgelöst werden, politische Aktivisten aber bleiben.“ (www.celle73.info am 12.1.2011) Und auch die Antwort der Landesregierung auf eine kleine Anfrage verweist darauf, dass die Neonazis weiter engagiert sind (Mündliche Anfrage des Abgeordneten Helge Limburg). Demnach waren einige der Angehörigen dabei als die „Freien Kräfte Celle“ im Umfeld von Schulen in Celle Flyer und CDs verteilten.

Kameradschaft „Gladiator Germania“
Die Kameradschaft „Gladiator Germania“ ist die zentrale Anlaufstelle für Neonazis aus der Region Tostedt. Meistens tragen ihre Mitglieder Kleidungsstücke mit dem Symbol einer Axt, dem Logo der Kameradschaft. Die Kameradschaft nimmt regelmäßig an Aufmärschen und Kundgebungen teil und ist mit anderen Gruppierungen aus Niedersachsen vernetzt. Die Aktiven vom „Gladiator Germania“ gelten als gewaltbereit und waren an mehren Übergriffen auf politische GegnerInnen beteiligt (taz vom 25.7.2010). Unklar ist, ob die Kameradschaft auch unter dem Namen „Nationale Sozialisten Tostedt“ agiert oder ob es sich dabei um eine separate Gruppierung handelt, die durch Doppelmitgliedschaft vernetzt ist.

Neonaziszene in Stade
Im Landkreis Stade ist keine feste Kameradschaftsstruktur erkennbar, es bestehen jedoch rege Kontakte zu den Kameradschaften aus dem Landkreis Harburg und den Szenemitgliedern in Hamburg, Verden, Rotenburg und Bremen. Aktivitäten von Neonazis waren vor allem während des Bundestagswahlkampfes 2009 zu verzeichnen: Hierfür organisierte der NPD-Unterbezirk Stade den Wahlkampf mit Hilfe von „Freien Kameradschaften“ aus dem Landkreis Harburg. Die Unterstützung bestand vorwiegend aus Infotischen, die jedes Wochenende abwechselnd in Buxtehude und Stade aufgestellt und von Adolf Dammann angemeldet wurden.

Besseres Hannover
Die Gruppe war ein Zusammenschluss von Neonazis aus Hannover, die Kontakte zur Kameradschaftsszene in Celle hatte. Die Gruppe „Besseres Hannover“ nahm an den Veranstaltungen „Stammtisch nationaler Kräfte“ und „Stammtisch Nord“ teil, die im Umland von Hannover stattfinden. Aufgefallen ist die Gruppe bei einem Überfall auf eine Mahnwache des „Hannoversche Bündnis gegen Rechts“ in Hannover (Hannover Entdecken am 8.4.2010). Überregionale Schlagzeilen machten sie mit ihrer Zeitung „Bock – das Sprachrohr der Gegenkultur“, die an hannoverschen Schulen verteilt wurde und Sätze wie „Wirkliche Freiheit ist zutiefst nationalistisch“ enthielt (HAZ vom 10.3.2010), sowie dem Abschiebär, einer Figur die in Propagandavideos und bei verschiedenen Veranstaltungen in Deutschland auftrat. Die Gruppierung wurde im September 2012 von Innenminister Schünemann verboten.

Nationaler Gesprächskreis (Hannover)
Der Nationale Gesprächskreis (ehemaliger Stammtisch Nationaler Kräfte) ist ein monatlich stattfindendes Treffen von Neonazis, bei dem Aktionen und Vorgehensweisen geplant werden. Die TeilnehmerInnen kommen aus Hannover und Umgebung sowie vereinzelt aus anderen Bundesländern. Organisiert wird der „Stammtisch Nationale Kräfte“ von der NPD Hannover, Kameradschaften und Einzelpersonen. Das Treffen findet meist in wechselnden Gaststätten im Umkreis von Hannover statt.

Stammtisch Nord (Hannover)
Während der „Stammtisch Nationaler Kräfte“ vor allem Nazis aus der Region Hannover und aus Niedersachsen vernetzen soll, dient der Stammtisch Nord der Vernetzung innerhalb Norddeutschlands. Deshalb reisten in der Vergangenheit Neonazis aus Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Hamburg und ganz Niedersachsen dafür an. Zu den Organisatoren gehören Thorsten Heise, NPD-Bundesvorstandmitglied, und Marc Oliver Matuszewski, Vorsitzender der NPD Hannover, sowie Dieter Riefling, einflussreicher Neonazi aus Hildesheim. Den musikalischen Rahmen des Stammtisches gestalten gelegentlich Neonazi- LiedermacherInnen wie zum Beispiel Annett Müller aus Bad Lauterberg (Recherche Nord am 20.6.2009).

Gemischte Szene in Hannover
In Hannover gibt es zahlreiche Verbindungen zwischen Neonazis, Hooligans, der Tätowierer- Szene, dem Rotlichtmilieu und Rocker-Gruppen, wie den Hells Angels. Markus W., der bei der Fußball WM 1998 einen französischen Polizisten fast tot prügelte, ist inzwischen die Nummer zwei der Hells-Angels in Hannover und betreibt im Rotlichtmilieu ein Bordell. Vorher war er Teilhaber eines Tättoowierstudios und besitzt daher gute Kontakte in die Szene, jährlich organisiert er die TattooConvention in der Steintor Eventhall, bei der bekannte Neonazis ihre Tattoos oder Klamotten anpreisen können.

„Lu­den­dorf­fer“
Die Ludendorffer oder auch der „Bund für Gotterkenntnis“ kommen seit über 30 Jahren in Dorfmark zu ihrer Ostertagung zusammen. Der Bund hat sich selbt der Aufgabe verschrieben, die vermeintlich weltanschaulichen Erkenntnisse von Mathilde Ludendorff (1877-1966) zu pflegen und zu vermitteln, die eine „riesige Verschwörung der Juden“ am Werk sah. Die Frau von General Erich Ludendorff, der gemeinsam mit Adolf Hitler am 9.11.1923 einen misslungenen Putschversuch anführte, unterstellt, dass die Juden „insbesondere den Deutschen eine Art von Irrsein“ eingepflanzt hätten, und zwar mit Hilfe des Christentums, der Freimaurerei und des Sozialismus. Seitdem würden die Deutschen sich zu anderen Rassen hingezogen fühlen, so dass die „Rassentugenden mit dem ererbten Gotterleben“ verloren gingen. Die „Blutsvermischung“ führe jedoch zum Volkstod. Zur Jahrestagung der Ludendorffer kam auch schon der NS-Jagdflieger Hajo Herrmann als Ehrengast, der von der „guten alten Zeit“ schwärmte.

Burschenschaft Thormania
Der Name irritiert, denn die Gruppe aus Braunschweig ist keine Burschenschaft, sondern eine Kameradschaft. 2004 gegründet, fällt die Gruppe seither durch Partys, Fußballturniere und andere Aktionen auf. Zudem verfügt sie über gute Kontakt nach Südniedersachsen, da einige der Aktivisten ursprünglich aus Bad Lauterberg. Die Söhne des Wirtes einer Kneipe, die jahrelang als Neonazi-Treffpunkt diente, konnten sie auf den entsprechenden Veranstaltungen genügend Kontakte knüpfen. Im Januar 2009 durchsuchte die Polizei im Rahmen einer Razzia gegen Nazis aus ganz Südniedersachsen auch drei Wohnungen in Braunschweig-Querum. Dabei wurde sie auch bei den Brüdern H. fündig: „ein Karabiner, ein waffenscheinpflichtiger Dolch sowie viele Nazi-Erinnerungsstücke und Propagandamaterial wie unter vielen anderem Fahnen oder ein Ring mit SS-Rune“ (Braunschweiger Zeitung vom 22.01.09).

Düütsche Deerns
Die Frauenkameradschaft Düttsche Deerns ist in der Region Schneverdingen verankert. Der Name entstammt dem Plattdeutschen und bedeutet sinngemäß „Deutsche Mädchen vom Lande“. Neben eigenen Aktivitäten richtet die Frauenkameradschaft zusammen mit den anderen Kameradschaften regelmäßig sogenannte Brauchtumsveranstaltungen wie Sonnenwendfeiern und Erntedankfeste aus. Bei diesen Festen, die häufig auf dem Hof Nahtz in Eschede nahe Celle stattfinden, sind auch Kinder und Jugendliche dabei. Auf ihrer Webseite stellen die Frauen vermeintlich ureigene Bräuche, Kinderlieder und Geschichten vor, aber auch Gesundheitstipps und meist naturbewusst und ökologisch anmutende Kochrezepte. Darüber hinaus stellen sie Kommentare zu aktuellen politischen Themen online. Bei Aufmärschen tragen sie immer wieder ein Transparent mit der Aufschrift „Deutsche Frauen, deutsche Sitte, walten steht in dieser Mitte“.